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rem-Blog: 1. WIR!-Werkstatt

23.01.2012
zwischen-goettern-und-menschen1

7. 01.2012 „MUSIK UND RELIGION“
Gemeinsame Veranstaltung der WIR!-Werkstatt und der Reiss-Engelhorn-Museen
im rem Museum Bassermannhaus für Musik und Kunst

Der Veranstaltungsraum im Bassermannhaus, C4 ist überfüllt, ein festlicher Abend voll Erwartungen: in Mannheim spielen über 100 Ensembles Musik ihrer unterschiedlichen Herkunftsländer, heute genießen wir Rhythmen, Melodien, Tanz und kurze Erläuterungen zum Thema „Musik und Religion“ von Aleviten, Sikhs, Thai-Buddhisten und Christen.

Begrüßungs-Song:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag“
Gerburg Maria Müller, Ali Ungan und Uli Krug tragen das Lied vor, in wechselnden Spieler- und Sänger-Rollen zum Seiteninstrument Saz, zur Blockflöte und zu einer riesigen Tuba, auf deutsch und auf türkisch.
Kurze Erläuterung von Gerburg M. Müller: Dietrich Bonhoeffers Lied gibt uns einen Einblick in religiöse Geborgenheit, die wir alle suchen. Ein Blick auf Bonhoeffers Leben, seine Ermordung durch die Nationalsozialisten und die tiefe dauerhafte Wirkung seines Lieds und seiner Existenz über Grenzen von Konfessionen und Religionen hinweg. Eine Einladung an alle Suchenden. Ein anderes Beispiel hierfür sind die Lieder des niederländischen Jesuiten Oosterhuis, heute im Widerstreit, weil diese Lieder von Suche und nicht von Gewissheit sprechen.

Eine fröhliche Einlage zum Thema Musik und Liebe bietet ein ins Deutsche übertragene türkisches Minnelied, begleitet von der Saz.

Religiös-musikalische Praxis, eine Saz-Spieler Gruppe, alevitische Jugendliche singen und spielen meditative Gesänge. Mitglieder der Aleviten-Gemeinde erklären, dass sie von Allah, dem einzigen Gott, erzählen, vom Propheten Muhammed und von Ali, dem Wegführer, von seinem Leiden, seiner Ermordung. Könnte man die Gesänge nicht auch auf Deutsch vortragen? Die Aleviten meinen, es dauere noch, bis man seine Gefühle auch auf Deutsch ausdrücken könne, aber vielleicht sei man bereits in 30 Jahren so weit.
Die Saz ist ein ganz zentrales Instrument für die religiöse Praxis der Aleviten: es waren Muslime, die zahlreiche Saiteninstrumente, darunter die Ud und die Kithara erfunden haben.

Was bedeutet Musik im Islam, der Dialogbeauftragte des Deutsch-Albanischen – Islamischen Verein e.V. (DAI), ein albanischer Islamwissenschaftler, geboren in Deutschland, Studium in Wien, berichtet ausführlich von den orientalischen Ursprüngen der Musikinstrumente, von griechischer Systematisierung und Musiktheorie und von dem gewaltigen Entwicklungsschub der frühislamischen Zeit: Musik und Islam stehen keineswegs in einem gestörten Verhältnis. Minnesang und Troubadoure entfalten sich in der mittelalterlichen Begegnung zwischen Orient und Okzident, mit keltischen und maurischen Ingredienzen. Musik steht ganz ursprünglich in einem religiösen Kontext. Pessimistische Ausblicke auf die heutige Musik finden freilich im gesamten Auditorium heftigen Widerspruch. U.a. wird auf eine fromme muslimische Rapperin aus Berlin verwiesen.
Gleich darauf stehen wir alle im Bann der Suren-Rezitation des Islamologen, der der größten Moschee Mazedoniens in Skopje vorsteht.

Dass zur heiligen Musik getanzt wird, haben wir fast vergessen: War nicht auch in den Ursprüngen europäischer Tradition der Tanz ein Teil des Gebets? Hatte nicht König David vor der Bundeslade von Bethlehem bis nach Jerusalem getanzt? In Thailand ist der Tempeltanz jedenfalls auch heute präsent und Thitisa Thawsrisuwan, die das seit frühester Kindheit gelernt hat, lebt hier in Mannheim. Sie tanzt, gekleidet in heimische, 20teilige Tempeltracht: jede Handbewegung, jede Bewegung des Körpers, des Kopfes und der Füße hat symbolische Bedeutung. Der Tanz berichtet Geschichten aus sakralen Büchern: Mythen, heilige Begebenheiten.

Drei Sikhs aus Mannheim und Worms – Iqbal Singh, sein Sohn und ein Freund – berichten, dass alle Texte dieser jüngsten Religion – sie wurde erst vor fünfhundert Jahren gestiftet – in musikalischer Form übermittelt werden. Im Heiligtum treffen sich die Gläubigen, sie lauschen zuvörderst den Ragas, anschließend erfolgt die Auslegung der Texte.

Den dramatischen Abschluss der Darbietungen bildet der Tanz des Requiems von Mozart nach der Choreographie von Rafael Valdivieso. Sie wird mit nicht enden wollendem Beifall bedacht.

Die Zeit ist bei weitem überschritten, so viel Diskurs hatte man nicht erwartet und zu vielfältig waren die gewünschten Erläuterungen. Trotzdem findet sich noch eine ansehnliche Gruppe zusammen, die an der Führung durch die Ausstellung „MusikWelten“ teilnimmt.

Dank an die künstlerische Leitung von WIR!, Gerburg Maria Müller und Uli Krug sowie an Astrid Haag, an die Fotografinnen von WIR! , Dank auch Sibylle Schwab, der Kollegin Ute Napp, an Herrn Steffen Kreis an der Kasse und Herrn Steb vom Bewachungsdienst.

8.01.2012 M.Tellenbach

Zum Video geht’s hier.

Dieser Artikel hat 1 Kommentar | Selbst einen Kommentar verfassen »

  1. Wie man an dem Foto erkennen kann war es ein Abend mit vielen Menschen, die gemeinsam lachen können! Am meisten hat mich die alevitische Gemeinde überrascht, der Vorsitzende spielte ein Lied auf der Oud und wechselte plötzelich von der türkischen in die deutsche Sprache und zurück. Das Publikum war begeistert.
    Es war ein tolles Gefühl zwischen Mitgliedern der Sikh Gemeinde, der OMM, der alevitischen Gemeinde, der albanischen Gemeinde zu sitzen. Es ist so viel Reichtum in dieser Stadt!
    Danke an alle, die dabei waren – Besucher und Künstler

    • von: Gerburg Maria
    • am: Januar 23, 2012 | 19:39 Uhr

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